Die Mär von dem Wunderhirsch

Aus »König Buda’s Tod» von Johann Arany, übersetzt von Albert Sturm

Von Zweig zu Zweig der Vogel zieht,
Es zieht von Mund zu Mund das Lied;
Aus alten Gräbern sprosst das Grün,
Die Leier weckt den Kämpen kühn.

Zum edlen Waidwerk zogen aus
Die Söhne aus Schön-Eneh’s Haus.
Zwei Recken, Hunor und Magyar,
Aus Ménrót’s Stamm ein Brüderpaar.

Jedweder fünfzig Helden da
Sich zur Gefolgschaft ausersah;
Und wie zu einem blut’gen Strauss,
So zogen gen das Wild sie aus.

In Blut das Wild vor ihnen schwimmt,
Dem Tod sind Hirsch und Reh bestimmt,
Bald ist erlegt der rasche Hirsch,
Der Hirschkuh gilt allein die Pirsch.

Hinjagen sie sie unverwandt,
An salz’ger Meerfluth ödem Strand,
Wo Wölfe nie, wo Bären nie
Gehauset, allda reiten sie.

Der Panther und der wilde Leu
Durchheulen diese Wüstenei;
Da wirft der Tiger seine Brut,
Die er verschlingt in Hungers Wuth.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh’s Söhnepaar das Lied.
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt,
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt.

Schon glüht die Sonn‘ im Niedergehn
Und Abendroth auf Wolkenhöh’n
Und stets noch jagen sie das Wild,
Bis in die Dämm’rung es sich hüllt.

Die dann herniederstieg, die Nacht,
Hat an den Kurfluss sie gebracht;
Und Weide fett am Stromesrand
Für ihre Rosse da sich fand.

Held Hunor sprach: Ein Halt ist hier,
Da tränken wir, da schlafen wir.
Es sagt Magyar: Wir kehren beim
Frührothe mit den Mannen heim

Hei Recken ihr, ihr Degen hei!
Sagt uns, was das für Land wohl sei?
Gen Osten sich die Sonne neigt,
Nicht gegen West sie niedersteigt.

Ich sah sie —sprach ein Degen -heut
Sich neigen nach der Mittagszeit‘.
Ein Andrer sagte: Und ich dacht‘,
Roth sei die Seit‘ gen Mittemacht.

Sie steigen von den Rossen nun,
Und tränken die; sie selber ruhn,
Auf dass sie mit den Mannen beim
Frührothe wieder kehren heim.

Kühl weht es über’n Ufersand,
Purpurn färbt sich des Himmels Band.
Sieh da, die Hinde springt all fort.
An dem jenseit’gen Ufer dort.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh’s Söhnepaar das Lied.
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt,
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt.

Nun drauf, ihr raschen Recken, drauf,
Verfolgen wir des Wildes Lauf
Da hilft kein Ja, da hilft kein Nein,
Sie jagen über Stock und Stein.

Durchschwommen haben sie den Kur,
Noch wüster wird der Wildniss Spur,
Kein einz’ger Grashalm sprosset da,
Kein Tropfen Wasser fern und nah.

Geborsten ist der Erde Haut,
Von Salz die kahle Fläche thaut.
Wo Wasser quillt, giebt’s keinen Trank,
Ausathmen Teiche Schwefelstank.

Oelig brichts aus der Erde Schooss,
Und hie und da, wo’s sich ergoss,
Da lodert’s hell, —in dunkler Nacht,
Flammt also auf die Feuerwacht.

Jedweden Abend reut sie’s jetzt,
Dass sie die Kuh so weit gehetzt,
Dass sie in dieses wüst‘ Revier
Gefolgt dem müd‘ gehetzten Thier.

Doch in der Früh, trotz aller Reu,
Beginnt die wilde Jagd aufs Neu.
Wie Spreu der Wind vor sich hin treibt,
Wie Schatten treu dem Vogel bleibt.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh’s Söhnepaar das Lied.
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt.
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt.

Sie dringen übern Donfluss jäh
Bis zu Máotiens kleinem See.
Durch tiefer Teiche täuschend Grün
Erreichen sie ein Eiland kühn.

Da war des Wildes Spur verlor’n
Und Nebel hinten, Nebel vorn.
Eh‘ sie noch dessen sich versehn.
War’s um die Hirschkuh schon geschehn.

Wo ist das Wild? haho! hoha!
Der Eine ruft: da läuft es ja!
Der Andere: dort ist es, dort! Der
Dritte ruft: fort ist es, fort!

Jedweden Busch befragen sie,
Jedweden Strauch durchjagen sie,
Eidechsen wohl, Birkhennen auch,
Doch keine Hirschkuh in dem Strauch.

Den Weg zum Heimatland, wer wagt
Zu finden ihn? Magyar dies fragt.
Rund ist der Himmel allerwärts.
Du stirbst daran, o Mutterherz!

Doch Hunor spricht: Die Jagd ist aus,
Wir bleiben hier, wir sind zu Haus.
Süss ist das Wasser, zart das Gras,
Aus Bäumen fliesst des Honigs Nass.

Viel Fische beut der blaue Fluss,
Das Hochwild saft‘gen Fleischgenuss.
Straff ist der Bogen, rasch der Pfeil,
Und Beute ist des Kriegers Theil.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh’s Söhnepaar das Lied.
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt.
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt.

Als endlich sie nicht mehr gewillt
Zu fahen Fisch, zu jagen Wild,
Ziehn in die Wüste wiederum
Sie nach der Waffen schönerm Ruhm.

Die Ebne dehnt sich weit und lang,
Durch dunkle Nacht zieht heller Klang;
Drommett‘ und Zink‘ in solchem Baum?
Als käm’s vom Himmel —wie im Traum?

Es wohnt da eine Elfenschaar,
Aus Nebeldunst gewoben war
Ihr Zelt, da weilen sie nun drin
Und zieh’n in raschem Reigen hin.

Kein Mann in ihrer Nähe hält;
Die schönsten Jungfrau’n doch der Welt,
Belar‘s und Dul’s, in Nebeldunst
Lernen sie da die Elfenkunst.

Des König Dul’s die schönsten zwei,
Die zwölf Belar‘s sind auch dabei.
Und insgesammt sind hundertzwei.
Zu lernen da die Feerei.

Die harte Prob‘ ist zu bestehn:
Neun Jünglinge sich zu ersehn
Und in der Liebe Bann zu fahn,
Doch selbst zu fliehn der Liebe Wahn.

So lernen sie die Kunst der Feen,
Gar herzberückend anzusehn.
Allnächtlich finden sie sich ein.
Allnächtlich tanzen sie den Reih’n.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh’s Söhnepaar das Lied;
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt,
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt.

Dem Wind entgegenschleichen sacht
Den Tönen nach in dunkler Nacht
Vorsichtig sie und schattengleich:
Wer Faltern nachjagt, stille schleich‘!

Die Flötenklänge, sagt Magyar,
Durchziehn mich, Bruder, ganz und gar.
Und Hunor spricht: Das Blut mir wallt,
Seh‘ ich der Jungfrau‘n Duftgestalt.

Ihr Degen hei, ihr Recken vor !
Nehm‘ Jeder eine aus dem Chor.
Jedweder nehm‘ ein Weib sich mit.
Der Wind verwehet Spur und Schritt.

Die Rosse fühlen scharfen Sporn,
Die Zügel hängen wild nach vorn.
Im Kreis dreht sich der Mädchen Schaar –
In Mannesarm bald manche war.

Ein gross‘ Geschrei erhebt sich drauf,
Sie möchten fliehn im wilden Lauf.
Doch Wasser hinten, Feuer vorn;
Für Nixenkunst sind sie verlor’n.

Entkommen waren wohl die Feen
Sie hatten Flügel —in die Höh’n.
Allein die Andern, sollen sie
Versinken in die Erde hie?

Mit keuschem Trotze Zauberfeen
Zu werden, darum ist’s geschehn.
Die Rosse rasen, stille Nacht
Hält für der in der Wildniss Wacht.

Es zieht der Vogel und es zieht
Von Enéh‘s Söhnepaar das Lied.
Von Zweig zu Zweig der Vogel singt.
Das Lied von Lipp‘ zu Lippe dringt

Dul‘s Töchter, sie das schönste Paar,
Die freiten Hunor und Magyar.
Die Andern hundert an der Zahl,
Sie hatten hundert sich zur Wahl

Der Mädchenstolz söhnt bald sich aus
Mit Frauenloos im eig’nen Haus.
An Heimkehr keine denken wollt‘,
Da sie gebaren Söhne, hold.

Das See-Eiland ihr Vaterland,
Das Zelt fürder ihr Heim genannt,
Gesegnet auch ihr friedlich Bett, –
Was zögen sie nach and’rer Stätt‘ ?

Gebaren Söhne, Heldenart,
Liebwerthe schöne Mägdlein zart
Dem edeln Stamm ein junges Reis;
An eig’ner Statt die Jungfrau‘n weiss.

Jedweder Heldensohn zeugt zwei.
Die beiden Führer zweimal zwei.
Und jedem Haus ein Haupt entstammt:
Hundertacht Zweige insgesammt.

Die Hunen zeugte Hunor‘s Zweig.
Magyaren zeugt Magyar desgleich.
Viel wurden sie und stark an Zahl,
Das Eiland ward zu klein zumal.

Sie zogen dann in’s Scythenland,
Wo sich das Erbe Dul’s befand.
Seither von Mund zu Munde zieht,
Von euch, o Heldenpaar, das Lied.